Beim Wanderschäfer


Manfred Voigt ist einer der letzten Wanderschäfer Hohenlohes. Mit seinen Schafen beweidet er an diesen Tagen Hänge rund um den Einkorn, wie der höchste Berg des Hohenloher Landes genannt wird. Den Hof hat er an seinen Sohn Daniel übergeben, von der Schäferei will der 66-Jährige aber nicht lassen.

 

Er ist in seinen Beruf praktisch hineingeboren: Manfred Voigt ist in fünfter Generation Schäfer, ja sogar Schäfermeister, wie es auch der Vater war. Ursprünglich stammen die Voigts aus Münsingen, doch längst ist die Familie in Hohenlohe heimisch geworden. Gekleidet in ein langes blaues Schäferhemd, mit festen Schuhen und breitrandigem Hut steht er auf der Weide, auf die „Schipp“ aus Schwarzdornholz gestützt. Er lauscht dem Weiden der Tiere und schaut auf seine Herde. Ist das auf die Dauer nicht langweilig? Voigt widerspricht: „Aber nein, nur für die, die keinen Bezug zu den Viechern haben.“

 

Schafhaltung und Wanderschäferei haben eine lange Tradition im Land. Sie haben die Kulturlandschaft in Baden-Württemberg mit geprägt und werden zunehmend wichtiger für deren Erhaltung. Wer soll die steilen Flusstäler im Hohenloher Land auch landwirtschaftlich nutzen? Ohne Beweidung durch die Schafe würden sie versteppen. Diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe der Schäfer honorieren Land und Europäische Union etwa mit Mitteln aus dem Förderprogramm für Agrarumwelt, Klimaschutz und Tierwohl und aus der Landschaftspflegerichtlinie. „Etwa die Hälfte des Einkommens sind öffentliche Gelder“, erklärt Manfred Voigt. Die andere Hälfte erzielen die Voigts für das Fleisch, das über die Erzeugergemeinschaft Hohenloher Lamm vermarktet wird.

 

Der Beruf des Schäfers erfordere viel Disziplin. Er muss seinen Tieren die Klauen schneiden, und mitunter muss er ihnen helfen, ihre Lämmer auf die Welt zu bringen. Er kennt jedes seiner Tiere genau, hält Zwiesprache mit ihnen: „Sie sagen mir, was sie wollen, ich muss es nur hören.“ Und noch ein zweites Klischee: Sind Schafe dumm? „Nein“, sagt Voigt, „sie kommunizieren sogar miteinander, sagen ,hey, hier ist besseres Futter’.“ Unterstützung bei der Arbeit bekommt Manfred Voigt von seinen Hütehunden, die er selbst züchtet. Er sagt: „Hunde sind das Werkzeug, ohne sie geht nichts.“ Leise gibt der Schäfer der Altdeutschen Schäferhündin ein Kommando, sofort treibt diese ein ausgebüxtes Schaf zur Herde zurück.

 

Diese Aufgabe übernehmen über Nacht die Zäune, wenn Manfred Voigt seine Tiere am Abend zur Ruhe schickt und nach Hause fährt. Denn dann ist die Arbeit noch lange nicht getan. Sohn Daniel und er müssen die Schafe mit den ganz jungen Lämmern füttern, die noch im Stall gehalten werden. „Wenn du mit Tieren zu tun hast, bist du 365 Tage 24 Stunden lang im Dienst“, sagt Manfred Voigt. Die Lachfalten in seinem Gesicht sprechen eine deutliche Sprache: Ihm macht die Arbeit als Schäfer unvermindert Freude.  


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