Nach anderen Werten trachten


Bauern im Kreuzfeuer. Kleine Betriebe geben angesichts des Preisverfalls für  ihre Erzeugnisse auf, zugleich halten immer weniger Landwirte immer mehr Tiere und Flächen. Verbraucher fordern eine dem Tierwohl gerechte Landwirtschaft, zugleich kaufen noch immer die meisten billige Lebensmittel ein. Das passt nicht zusammen.

 

„Gemeinsam Zukunft gestalten“, lautet angesichts dessen das provokante Motto, das die Bäuerliche  Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH) ihrem zweiten Hohenloher Bauerntag vorangestellt hat. Wie es um die Gegenwart aussieht und wie eine gemeinsame Zukunft gestaltet werden kann, das machen die Redner vor mehr als 1000 Bauern und Bürgern mit teils kämpferischen, teils nachdenklichen Worten  deutlich.

 

Mit einem bejubelten Filmbeitrag über die bäuerliche Demonstration mit einem Schwäbisch-Hällischen Schwein vor dem Bayer-Hauptquartier in Leverkusen rückt BESH-Gründer Rudolf Bühler ein Thema in den Mittelpunkt, das viele Landwirte umtreibt. Die Übernahme des US-amerikanischen Chemiekonzerns Monsanto, sagt Bühler, „bedeutet das Ende der bäuerlichen Landwirtschaft“. Auch Hubert Weiger, Präsident des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), attackiert die geplante Megafusion. Den Deutschen Bauernverband fordert Weiger auf, „sich endlich für Bauern zu engagieren, statt eine Kumpanei mit Baysanto einzugehen“ - Szenenapplaus.

 

Der BUND-Präsident stellt klar: „Die zentralen Ziele des Umwelt- und Naturschutzes können wir nur mit einer bäuerlich strukturierten Landwirtschaft erzielen.“ Das Schwäbisch-Hällische Schwein als Symbol einer eigenständigen Regionalentwicklung sei ein „Leuchtturmprojekt, das Mut macht“. Der BUND-Präsident fordert ein Ende der industriellen Tierhaltung und den deutschen Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) auf, seinen „Tiefschlaf in Sachen Tierwohl zu beenden“. Dessen in Aussicht gestelltes Label sei „Bauern- und Verbraucherverarschung“

 

Deutliche Töne auch von Rezzo Schlauch an, ehemaliger Grüner Staatsminister. Er attackiert das Subventionssystem von Brüssel und Berlin, das die Ungleichheit in der Landwirtschaft verschärfe, statt sie zu bekämpfen. „Der Löwenanteil des EU-Agrarhaushalts wird auf die Fläche gezahlt“, sagt Schlauch, „Bauernverband wie Landwirtschaftsminister haben einer Umverteilung zugunsten der kleinbäuerlichen Landwirtschaft verhindert.“

 

„In meiner Funktion kann ich kein politische Feuerwerk entfachen“, bekennt der der Neutralität verpflichtete Stuttgarter Regierungspräsident Wolfgang Reimer. Der Hohenloher, der vor seinem Wechsel fünf Jahre lang als Amtschef im von den Grünen geführten Stuttgarter Landwirtschaftsministerium war, weiß freilich um die Sorgen und Nöte der Landwirte. Die Lösung der anhaltenden Agrarkrisen liege in der Stärkung des süddeutschen Weges, sagt Reimer: „Baden-Württemberg und Bayern, Österreich und die Schweiz müssen mit ihrer relativ kleinen Agrarstruktur eine eigene Strategie verfolgen.“ Und die müsse lauten: mit wertschöpfungsintensiven Premiumprodukten die regionalen Märkte bedienen und die hiesigen Kundenerwartungen befriedigen.

 

Nicht an den Kopf, ans Herz appeliert Fritz Vogt, der „Bankenrebell aus Gammesfeld“ und gelernter Landwirt: „Wir haben als Bauern den Beginn des Widerstands verschlafen und uns an den Kapitalismus verkauft“, kritisiert er, „wenn unsere letzten Äcker zugebaut sind, werden wir sehen, dass wir Geld nicht essen können.“ Bei diesen Sätzen wird es plötzlich ganz still im Saal. „Lasst uns nach anderen Werten trachten und als Landwirte dem Leben dienen“, appelliert er am Ende und erntet dafür lang anhaltenden Applaus.

 

Ein Bauerntag, der viel Diskussionsstoff bietet - im nächsten Jahr erneut zu Lichtmess!

 

Die Demo mit dem Schwäbisch-Hällischen Protestschwein vor der Bayer-Zentrale in Leverkusen: www.youtube.com/watch?v=MNUKDVEK184


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